“Das ist viel zu stark bearbeitet!”

“Das ist viel zu stark bearbeitet!”

Ein Plädoyer gegen Bildkritik im Social Media

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Model im Titelbild: Cira Meisen

“Vorher gefiel mir besser!”

“Das sieht zu künstlich aus!”

“Man erkennt sie gar nicht mehr!”

“Ich hätte das anders bearbeitet!”

“Das hat nichts mehr mit Fotografie zu tun!”

“Etwas natürlicher bearbeitet würde das Bild besser aussehen!”

 

Diese Sätze und Sätze dieser Art lese ich immer wieder, vor allem unter vorher/nachher Fotos, sowohl bei mir als auf bei Kollegen / Kolleginnen der “Fantasy Szene”.

In diesem Beitrag möchte ich mit euch darüber sprechen, weshalb diese Diskussionen ziemlich ermüdend sind und Kommentare dieser Art meiner Meinung nach nichts unter den Bildern zu suchen haben.

Aber lasst mich vorab ein bildliches Beispiel anbringen, um euch das Problem mit der Bildkritik aus Künstler-Sicht etwas besser zu verdeutlichen.

Bei diesem Bild von Sandra bewirkt die Bearbeitung eine viel mystischere Stimmung.

Die Vernissage

Stellt euch vor, ihr seid auf einer Vernissage. Nicht im Internet, sondern im “Real Life”. Vielleicht kennt ihr den Künstler noch nicht, weil ihr von Freunden mitgeschleppt wurdet, und seid dann ganz unzufrieden, weil euch die Arbeiten so gar nicht zusagen.

Im besten Fall geht man natürlich zu Veranstaltungen dieser Art, wenn man den Künstler bereits kennt und seine Arbeiten schätzt, und darauf bezieht sich nun auch dieses Beispiel:

Ihr geht durch die Galerie und seht euch die Bilder an. Vielleicht gefällt euch im Großen und Ganzen, was ihr seht. Und auf einmal steht ihr vor einem Bild, welches euch gar nicht gefällt. Was macht ihr?

  • Option A: Ihr lauft direkt zum Künstler, den ihr nicht persönlich kennt, und sagt ihm, dass euch das Bild nicht gefällt.
  • Option B: Ihr geht einfach weiter und schaut euch die anderen Bilder an.

Option B ist das, was wir Künstler uns wünschen.

Option A ist eigentlich ziemlich anmaßend. Und dazu habe ich direkt eine Frage, falls ihr sie wählen würdet:

Was erwartest ihr in der Situation vom Künstler? Soll er aufgrund eurer Bildkritik das Bild sofort abhängen, nach euren Vorstellungen ändern, und es dann wieder aufhängen?

Wenn es ihm aber so wie es ist gefällt?

Facebook, Instagram & Co. – das ist unsere Vernissage!

Hier zaubert die bezaubernde Maren

Kritik ist wichtig!

“Aber Kritik ist doch wichtig, um sich zu verbessern!” höre ich euch jetzt rufen. Ja, das ist sie. Und ja, ich hole mir Bildkritik ein. Gezielt!

Mein bester Kritiker ist mein Freund, und zwar so schonungslos, dass ich ihn dann manchmal kurz blöd finde. Aber er hat meistens Recht und er bringt mich damit voran. Deshalb schätze ich seine Kritik sehr. Er würde jedoch niemals meinen Bildstil kritisieren, selbst wenn er nicht seinen persönlichen Geschmack trifft.

Meine zweite kostbare Anlaufstelle für Kritik ist mein Kollegenkreis. Wir tauschen uns fast täglich aus, und zwar konstruktiv. Der persönliche Geschmack bleibt meistens entweder ganz außen vor oder wird differenziert kommuniziert: “Das trifft zwar nicht meinen Geschmack, ist aber technisch sauber umgesetzt!”.

Das ist die Kritik, die ich brauche, die ich möchte und die mich weiter bringt! Und ich frage danach.

Wenn ich meine Fotos auf Facebook zeige, frage ich nicht nach Bildkritik.

 

Mein Grafiktablett von Wacom war eine kleine Umgewöhnung,

hat mir aber definitiv sehr die Bearbeitung erleichtert :)

 

                                

Lasst mich “ich” sein!

“Das ist mir viel zu stark bearbeitet und viel zu unnatürlich!” – okay. Und jetzt? Was soll ich mit dieser Information anfangen?

Darf ich mich kurz vorstellen: Ich bin Rekii. Make Up Artist. Fotografin in der inszenierten Peoplefotografie. Ich LIEBE Unnatürlichkeit! Meine Models sind stark geschminkt und meistens besonders kostümiert. Meine Bilder sind stark bearbeitet. Das bin ich! Lasst mich “ich” sein!

Ihr mögt natürliche Fotografie? Wenig Makeup? Wenig Bearbeitung? Voll okay für mich! Aber wieso besucht ihr dann meine Seite und schreibt das unter MEINE Bilder? Die sind nun mal das Gegenteil davon, das ist doch kein Geheimnis! Es gibt so viele großartige Fotografen, die ihre Bilder wenig bearbeiten! Schaut doch da mal vorbei!

Es ist vollkommen in Ordnung, wenn einem etwas nicht gefällt, aber dann muss man das doch auch nicht konsumieren. Ich mag zum Beispiel keine Horrorfilme. Ergo sehe ich sie mir nicht an und bin zufrieden.

Ich mag auch nicht wie sich viele Leute kleiden, besonders hier in Berlin. Ich geh doch auch nicht zu denen und sag “Dein Kleidungsstil gefällt mir nicht!”. Ich selbst kann mich doch anziehen, wie ich möchte.

“Man wird doch wohl noch seine Meinung äußern dürfen!” Klar, darf man. Aber das ändert nichts. Außer, dass derjenige seine Zeit verschwendet um sich über etwas zu ärgern, was sich dadurch nicht ändern wird. Und wer ärgert sich noch? Ich!

Scrollt doch einfach weiter!

Surreal wirkende Landschaften – ein fester Bestandteil meines Bildstils. Zu sehen ist das Model Luna Adulara

Surreale Fotografie – dafür werde ich gebucht!

Neulich schrieb jemand: “Aber wenn ich mal als Kundin zu dir kommen möchte, dann will ich eben MICH auf den Bildern sehen und nicht eine gekünstelt unechte Version von mir, die ein völlig anderes Gesicht hat.”

Meine Kundinnen wissen, was sie erwartet. Und es gab bisher noch nicht einen einzigen Fall, in dem die Kundin sich gar nicht mehr erkannt hat, falls das nicht ausdrücklich das Ziel war – denn das kommt auch vor. Als Kundin ist es natürlich sinnvoll, zu einem Fotografen zu gehen, dessen Stil einem gefällt. Deshalb kommen zu mir auch in der Regel keine Kundinnen, die Fantasy-Fotos nicht mögen, denn dafür bin ich ja schließlich bekannt.

Und ich bin zum Beispiel selbst eine Kundin, welche gerne auf Fotos eine idealisierte Version von sich sehen möchte. Fotografen, die wenig bearbeiten, würde ich eher nicht für ein Shooting auswählen. Mehr davon könnt ihr in diesem Beitrag lesen: Mehr Selbstbewusstsein durch Fotoshootings

 

Auf das “das hat doch nichts mehr mit Fotografie zu tun”- Argument möchte ich gar nicht mehr richtig eingehen. Weil das einfach nicht stimmt. Und wer kurz überlegt, der weiß das auch.

 

Gut, das musste raus. Danke für eure Aufmerksamkeit!

Seid auch im Internet höflich zueinander und kommentiert doch lieber öfter, was euch gefällt, anstatt nur zu kommentieren, wenn euch etwas nicht gefällt :)

Eure Rekii

 

 

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13 Kommentare
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    Amin
    Erstellt um 18:34h, 07 Juni

    Bei der Überschrift bekam ich kurz Schnappatmung. Glücklicherweise drehte sich die vorauslauffende “Kritikablehnung”, in die andere Richtung!
    Ich würde sogar soweit gehen, diese Geschmacksurteile nicht als Kritik zu bezeichnen. Kritik ist substantiell. Sie geht über Geschmaksfragen hinaus und richtet sich auf das Werk an sich, also an Form und Inhalt. Die Kunstrezeption kann der*die Betrachter*in übernehmen und das sollte sie auch. Dabei ist mir sogar die Intention des*der Künstler*in erstmal egal, da das Werk meist mehr bietet, als die schaffende Person gedacht hat.
    Ich finde diese Geschmacksfrsge in der Kunstrezeption inzwischen sehr anstregend, da dabei kaum etwas substanzielles rauskommt.

    Das hier ist ja auch nichts anderes, als die Rezeption deines Textes und war der Meinung, dass der für mich spannendeste Teil der Kritikbegriff war.

    Danke dir für diese kleine Inspiration im Denken.

    Beste Grüße
    Amin

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    Isabel
    Erstellt um 19:59h, 06 September

    Das ist so toll geschrieben und ich finde die bearbeiteten Bilder einfach großartig. Sehr intressant zu sehn wie sich alles durchs bearbeiten völlig verändert….die stimmung, wärme, Kälte, Reflektionen usw…genial….ich finde das schon eine Kunstform und mir gefällt das super. Und der Artikel ist sooo treffend, Danke das ist mal wirklich was tolles zum lesen gewesen. Mach weiter so :-) Ganz liebe Grüe aus Österreich

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    Belialle
    Erstellt um 14:47h, 03 Juli

    Super Ansage und toll geschrieben. Ich sehe ständig nur noch dieses “mimimi verträgt keine Kritik” ich finde das so zum kotzen als ob man seine Arbeit teilt damit Leute denen es nicht gefällt was haben um sich abzureagieren. Ich finde dieses penetrante Anderen die eigene Meinung ins Gesicht reiben im social media einfach furchtbar……. Wie schon gesagt wurde auf der Straße geht man auch nicht zu den Leuten “hier haste 10euro geh mal zum Friseur”

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    Christian Weiner "Augenblickfang"
    Erstellt um 09:39h, 02 Juli

    Klasse Artikel! Absolut genau meine Aussage!
    Komischerweise werden die “das ist ja total überbearbeitet” , “schlimmes Bild”, oder “geht ja gar nicht” Kommentare zu 95% von Spezialisten gemacht auf deren Seiten man überhaupt keinen oder nur wenig Bezug zur Fotografie/DigitalArt sieht!
    zb. vor 3 min finde ich einen “Kotz” smilie unter einem meiner Bilder …sehr konstruktive Kritik!
    lässt man sich dann auf eine Diskussion ein und versucht das Bild oder die Bearbeitung zu erklären…ja genau…dann ist man nicht kritikfähig! wie ich diese Aussage hasse!!!
    Du machst wunderbare Arbeiten-mir gefallen sie sehr gut! würden sie mir nicht gefallen, dann würde ich weitergehen. ist doch ganz einfach oder?
    Die meisten der “Stänkerer” sind nichts anderes als um Aufmerksamkeit kämpfende Trolls die selbst nichts mit einem eigenen Style auf die Bahn bekommen!
    Greetz Christian

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    Stefan Hübner
    Erstellt um 00:12h, 01 Juli

    Du erzählst wunderbare Geschichten durch Deine Art der Bilder – also mach Dir keine Gedanken über Kommentare, die von geringem Selbstwertgefühl zeugen ( auch wenn das nicht immer einfach ist – ich weiß ;-) )
    Eigtlich ist es schade, daß künstlerisch so begabte Menschen sich immer verteidigen wollen .. Aber hätten sie nicht so eine dünne ‘Haut’ und wären so sensibel, könnten sie nicht solche Kunst schaffen !
    Liebe Grüße,
    Stefan

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    Jürgen Schöberl
    Erstellt um 17:50h, 30 Juni

    Hallo Rekiii! wir kennen und zwar nicht aber deinen Beitrag feier ich grade! Klasse geschrieben und zu 100% auch meine Einstellung dazu!
    Danke dir dafür!
    Werde das mal gerne Teilen :) wenn ich darf?
    Vg Jürgen

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    Martin Duerr
    Erstellt um 15:35h, 30 Juni

    Wunderbarer Artikel … und ja, alles schon so erlebt. Im Internet und in realen Leben. Gerade meine Serie “Sinner & Saint” bringt Zustimmung und Ablehnung mit sich. Aber das ist natürlich auch so gewollt. Und interessant ist das Kritik, bzw. Ablehnung (ob begründet oder nicht) meist von denen kommt die vorgeben offen, tolerant und kunstbeflissen zu sein.
    Ein Grund mehr beharrlich an der Kunst mit Ecken und Kanten festzuhalten. :-)
    Martin

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    Uwe
    Erstellt um 14:50h, 30 Juni

    Meine Worte…immer und immer wieder…nur nicht so toll beschrieben.
    Habe deinen Post auf FB auf meiner Seite geteilt und meine (letzte) Erfahrung dazu geschrieben. Hoffe, dies ist ok für dich.
    Liebe Grüße, fineartpixxel

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    Stephan Gehrig
    Erstellt um 14:27h, 30 Juni

    Toll geschrieben, auf den Punkt gebracht. Kenne dich nicht, deine Arbeit ist ein teil der Fotografie, auch wenn’s nicht jedem passt. Ich binn eher der Natur, Makro und Mikrofotograf und das auch nur im Amateurbereich und treffe auch nicht immer auf Liebhaber meiner Bilder. Mach dein Ding und sei glücklich damit.

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    Heinz Neufeind
    Erstellt um 13:21h, 30 Juni

    Auf der Straße haben viele Angst, Farbe zu bekennen. Im Social Media ist man mächtig mutig, weil man physisch so weit weg ist. Das geht aber nicht nur mit Photo-Kritik so, sondern auch fast überall anderswo. Da werden auch schon mal von selbsternannten Experten Tipps zur Behandlung von Krankheiten gegeben, die Totschlagpotenzial haben. Homo Sapiens eben ….

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    Anshie
    Erstellt um 13:00h, 30 Juni

    So wahre Worte und gut geschriebener Artikel! Klopfer rundet es perfekt ab. Habe das gleich mal so geteilt.
    Im Übrigen kenne ich dich und deine Bilder nicht. Sehe sie gerade zum ersten mal und find sie wirklich wunderschön!

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    Leonie Beckmann
    Erstellt um 14:12h, 29 Juni

    Haha man müsste diese Leute mal dazu zwingen auf der Straße RANDOM auf Menschen, die sie nicht kennen, zuzugehen und ihnen zu sagen, was sie sonst nur unter sich bereden:
    Dein make-Up gefällt mir nicht, deine Klamotten sind nicht mein Stil und deine Frisur find ich viel zu gefärbt.

    Wie viele das wohl so frank und frei machen würde wie auf Facebook ^^

    Ich hasse diese Kommentare, vor allem bei Leuten, wie dir, wo es offensichtlicher nicht sein könnte, dass die Bearbeitung teil des entstandenen Kunstwerkes ist.
    Ich mein WTF?
    Sind die Leute dumm, blind, dreist oder alles auf einmal? Man muss doch checken, dass ein Fotograf wie du NICHT wert auf das einfangen der natürlichsten natürlichkeit einer szene setzt. Keine Blitze, kein Makeup, nur vllt helligkeit und kontrast in Photoshop anpassen.
    Wie kann man das nicht SCHNALLEN!?
    Und dann nach eigenem geschmack “kritisieren”.
    Booooooooi

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    Michael
    Erstellt um 11:59h, 29 Juni

    Ja das kenne ich auch so Rekii mach dir nichts draus. Du stehst für das was du da machst und das ist dein Bildstil lass doch die anderen sagen was die wollen die sind nur neidisch, weil die es nicht hinbekommen das sind nur Schwätzer die haben eine große Klappe aber kommen nicht ins Machen. Denke immer an diesen Spruch wenn du mal wieder von negativen Menschen Kritik bekommst.
    Just do it.
    und
    WWDK

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